Ganz ehrlich: Ich bin diese Woche auch nur Fan. Samstagabend sitze ich mit Pasta vorm Stream wie die Hälfte von euch, und wenn die Pros in die Kailua Bay springen, kriege ich Gänsehaut. Jedes Jahr. Obwohl ich den Film kenne: 3,8 Kilometer Ozean, 180 Kilometer durch Lavafelder nach Hawi und zurück, Marathon durchs Energy Lab, Ziel auf dem Ali'i Drive. Keine Berge, dafür Hitze, Luftfeuchte und ein Wind, der dich auf dem Rückweg von Hawi fragt, ob du das hier wirklich wolltest.
Kona ist für Triathleten das, was Wimbledon für Tennisspieler ist. Nur dass du dich nicht reinkaufen kannst. Du musst dich qualifizieren, bei einem von rund 50 Rennen weltweit, gegen Leute mit genau demselben Traum.
Warum dieses Jahr besonders ist
Alle an einem Tag. Sieben Jahre lang waren Männer- und Frauen-WM getrennt. 2026 stehen alle wieder gemeinsam am Pier: volle Strecke, volle Verpflegungsstationen, volle Emotionen.
Patrick Langes letztes Mal. Dreimal Weltmeister, Streckenrekord 7:35:53, und mit 40 sein letztes Hawaii. Wenn der Mann auf den Ali'i Drive einbiegt, wird es laut. Ein Abschied nach Drehbuch wäre mir recht.
Der Titelverteidiger fehlt. Casper Stornes hat sich im Training das Schlüsselbein gebrochen und ist raus. Damit ist das Männerrennen offener als gedacht: Blummenfelt, Iden, Laidlow, Ditlev, dazu acht Deutsche im Profifeld. Bei den Frauen: Titelverteidigerin Solveig Løvseth gegen Kat Matthews, Lucy Charles-Barclay, Taylor Knibb und unsere Weltmeisterin von 2024, Laura Philipp.
- Samstag, 10. Oktober 2026, Kailua-Kona, Hawaii
- Start Pro-Männer 18:20 Uhr, Pro-Frauen 18:30 Uhr deutscher Zeit, Age-Grouper in Wellen danach
- 3,8 km Kailua Bay · 180 km Queen K nach Hawi · 42,2 km Ali'i Drive und Energy Lab
Der Traum und die unbequeme Wahrheit dahinter
Fast jeder Age-Grouper hat den Satz schon mal gesagt: „Einmal Kona, dann ist gut." Meistens abends nach dem zweiten Bier oder im Oktober nach dem Stream. Und ich finde das richtig gut. Große Träume sind Treibstoff. Wer sich ein Ziel setzt, das ihm ein bisschen Angst macht, trainiert anders als jemand, der „halt fit bleiben" will.
Aber hier kommt der Teil, den dir keiner auf Instagram erzählt: Der Traum entscheidet nicht, ob du nach Kona kommst. Der Dienstag entscheidet das. Der Dienstag im Februar mit Schneeregen, krankem Kind und der Schwimmeinheit um 6 Uhr, die trotzdem stattfindet. Nicht heroisch, nicht auf Social Media. Einfach gemacht.
Die Athleten, die bei mir über Jahre wirklich nach vorne kommen, haben drei Dinge verstanden:
1. Ein Traum braucht ein Datum. „Irgendwann Kona" ist kein Plan. „Qualifikation in drei Saisons, 2027 erste saubere Langdistanz, 2028 Angriff auf die Altersklasse", das ist einer. Erst mit Datum wird klar, was in diesem Winter dran ist. Meistens: Basis.
2. Die langweilige Woche gewinnt. Die Pros, die am Samstag vorne laufen, haben keine spektakulären Pläne. Sie haben Jahre aus fast identischen Wochen. Das Geheimnis ist nicht die eine Hammereinheit, es ist die 40. Woche in Folge ohne Ausfall.
3. Du brauchst Leute, die dich ernst nehmen. Niemand kommt alleine nach Kona. Partner, die samstags um fünf nicht die Augen verdrehen. Trainingskumpels. Und manchmal ein Coach, der dir sagt, dass die Watt heute 20 zu hoch sind, auch wenn es sich leicht anfühlt. Das Umfeld ist nicht Beiwerk. Es ist die Infrastruktur.
Der Traum gehört dir. Die Arbeit dahinter auch. Das ist die gute Nachricht.
Drei Dinge zum Mitnehmen
Pacing ist Charakter. Schau am Samstag auf die Rückfahrt von Hawi. Dort entscheiden die Pros, ob sie den Marathon laufen oder überleben. Bei dir in Roth oder beim ersten 70.3 ist es dasselbe: Wer die ersten 90 Minuten auf dem Rad deckelt, kauft sich das Laufen.
Fueling ist Training. 90 bis 120 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde funktionieren nur, wenn der Magen das über Monate gelernt hat. Wenn du 2027 was vorhast: Fang jetzt an, auf den langen Einheiten zu essen. Nicht in der Race Week.
Ein DNF ist kein Charakterfehler. Kona bricht jedes Jahr Leute, die alles richtig gemacht haben. Das ist kein Scheitern, das ist der Sport. Wer das verstanden hat, geht mit weniger Angst in die eigenen Rennen.
Dein Kona
Vielleicht heißt dein Kona gar nicht Kona. Vielleicht erste Mitteldistanz, Sub-10 in Roth oder einfach ein Jahr ohne Verletzung. Der Mechanismus ist derselbe: ein Ziel mit Datum, ein Winter mit Fundament, eine Woche nach der anderen. Und Leute um dich rum, die das ernst nehmen.
Samstag gucken wir gemeinsam. Und wenn du danach den Satz „Einmal da stehen" nicht mehr aus dem Kopf kriegst: Lass uns reden. Nicht über Kona. Über deinen nächsten Dienstag.
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